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[Levitationen des hl. Josef von Copertino]

Dieses Schweben ist bei keinem Heiligen so häufig – zu Hunderten von Malen – bezeugt wie beim hl. Josef von Copertino (1603–1663), einem Franziskaner, der fast sein ganzes Ordensleben interniert und der Öffentlichkeit entzogen war, weil ihm solche Levitationen bei der hl. Messe z. B. überaus häufig ankamen, zu seiner allergrößten Beschämung. Diese seine „Schwäche“ bedeutete für ihn ein wahres Martyrium. Die Bischöflichen Informativprozesse begannen zwei Jahre nach dem Tode des Heiligen. Aus ihnen wird in der Positio super virtutibus, Romae 1713, S. 541–588 in dem Kapitel De miraculosis et prodigiosissimis Extasibus et Raptibus ausführlich zitiert. Auf S. 541 sind noch sehr viele Seiten der Positio angeführt, in denen weitere Fälle von Entzückungen gebracht werden. Gustavo Parisciani bringt auf den 1056 Seiten seiner großen Biographie San Giuseppe da Copertino, alla luce dei nuovi documenti, Osimo (Ancona) 1964, auch die in diesem Buche wiedergegebenen Fälle, es sei besonders hingewiesen auf die Seiten 86–96 und 205–211.

Es dürfte sich niemand so eingehend und kritisch mit den Ekstasen des Heiligen befaßt haben wie Benedikt XIV. als Glaubensanwalt. Ihm standen sämtliche Unterlagen zur Verfügung, auch die Akten des Inquisitionsprozesses von 1638 über diese Ekstasen. Das Summarium additionale zur Responsio auf die Animadversiones super virtutibus (Romae 1714) enthält das Wichtigste dieses Prozesses. Prosper Lambertini, der spätere Benedikt XIV., urteilt: „Augenzeugen von unanfechtbarer Qualität haben über das berühmte Schweben über dem Boden und die erstaunlichen (ingentes) ekstatischen Flüge des Dieners Gottes ausgesagt.“ (De beatif., III, c. 49, nr. 9). Eine ausgezeichnete, reich dokumentierte Darstellung über Levitation bringt Herbert Thurston: Die körperlichen Begleiterscheinungen der Mystik, Luzern 1956, S. 15–52.

Zeuge, Peter Paul Schifeo, verheirateter Minorist, 50 Jahre alt, erklärte im Bischöflichen Prozeß von Nardo (Juli 1664 bis August 1666):


Ich habe ungefähr zehnmal gesehen, wie er nach der Wandlung ungefähr eine Stunde auf den Zehenspitzen stand und wie er dann auf Befehl seiner Obern unter großer Furcht wieder zu sich kam. Einmal habe ich gesehen, wie er die halbe Länge oder gut die halbe Länge der Kirche bis zum Altare flog und dort ungefähr eine Stunde in der Ekstase kniete, bis ein Befehl ihn weckte. Das war in der Kirche von La Grottella (S. 541). – –

Zeuge Frau Dorothea Zeccha, 50 Jahre alt, im selben Prozeß: Ich war zugegen in der Kirche von Grottella, als die Vesper begann und P. Josef kam. Er flog von der Mitte der Kirche bis zum Altar der sel. Jungfrau, kniete sich auf den Betschemel und fiel in Ekstase (S. 546).[1] – –

Zeuge Franz Buono, 53 Jahre alt, im gleichen Prozeß: Ein andermal ging P. Josef von der Kirche zu den drei Kreuzen, die nicht weit von dem Konvent stehen. Ich folgte ihm von weitem. Als P. Josef noch weit von den Kreuzen war, etwa 12 Doppelschritte, erhob er sich mit einem Schrei vom Boden, flog und setzte sich auf das mittlere Kreuz. Er blieb dort über eine Stunde und kehrte im Fluge zu der Stelle zurück, von der er sich erhoben hatte. Ich ging ihm entgegen . . . (S. 543).

Antonius Montefusculi, Kleriker, 65 Jahre alt, erklärte im Apostolischen Prozeß von Nardi (1689 eröffnet): Ich habe mit meinen eigenen Augen viele Entzückungen bei P. Josef gesehen. Fast jeden Samstag ging ich in die Grottellakirche, um die Messe zu hören, aus Frömmigkeit und aus Neugier. Fast immer sah ich ihn in der Messe, entweder beim Memento oder nach der Wandlung, nachdem er einen Schrei ausgestoßen hatte, in Ekstase fallen, und oft sah ich ihn einen Fuß hoch über dem Boden schweben, und sowohl ich wie die anderen, die in der Kirche waren, sagten: „Seht doch, seht doch, jetzt schwebt er über der Erde“ (S. 551). – –

Dasselbe hat mehrmals auch der Locumtenens (Leutnant) Franz Allegretti, 70 Jahre alt, bei Zelebrationen des Heiligen in Assisi gesehen, wie er im Apostolischen Prozeß von Assisi, der 1688 begann, erklärte (S. 576). An derselben Stelle spricht er auch als Augenzeuge über einen der berühmtesten und bestens beglaubigten Flüge des Heiligen. Der „Admiral von Kastilien“, wie er von den Zeugen genannt wird, Don Juan Enriquez Cabrera, der Vizekönig von Neapel gewesen und zum spanischen Botschafter beim Heiligen Stuhl ernannt war, kam am 7. Juni 1646 mit riesigem Gefolge nach Assisi, und seine Gattin und die anderen Damen seiner Begleitung wollten in der Franziskuskirche von Assisi den Segen des Heiligen empfangen. Auf Befehl des anwesenden Franziskanergenerals mußte Josef in der Kirche erscheinen. Der genannte Zeuge:

Er trat durch die kleine Tür ein beim Altar der Unbefleckten Empfängnis, vor dem der Herr Botschafter, seine Gemahlin und Umgebung und eine Menge Leute aus Assisi standen. Nachdem er die Kniebeugung zum heiligsten Sakrament gemacht hatte, wandte er sich zur Statue der Unbefleckten Empfängnis, stieß einen gewöhnlichen Schrei „oh“ aus und flog mit ausgebreiteten Armen etwa zehn Doppelschritte zu der Statue hin, die auf dem Altar stand, um sie zu umarmen, und er blieb auf dem Altare knien. Aber ob er auf dem Altare selbst kniete oder über ihm schwebte, konnte ich nicht sehen, weil das herunterhängende Gewand es nicht erkennen ließ. Er blieb dort etwa vier Credo lang, bis der Vorgesetzte ihn im hl. Gehorsam zurückrief. Er kehrte sofort zurück und ging schnell fort, ohne ein Wort zu sagen. Die Statue stand mehr als eine Menschenlänge über dem Boden, er war über die Köpfe einiger Damen hinweggeflogen (S. 577).[2] – –

[1] Diese Zeugin, Frau des Schreiners Turi, der die Kreuze angefertigt hat, berichtet nach 30 Jahren als Augenzeugin über die Errichtung von Kreuzen auf einem Kalvarienberg bei Grottella (Summarium S. 545 f.). Es fehlen mir leider die Aussagen ihres Mannes und weiterer Zeugen (im Summarium S. 34 u. 38). Ich ergänze in Klammern nach G. Parisciani, a.a.O., S. 206 f. Frau Turi, geb. Zoscha: Das erste Kreuz, groß und schwer, weil aus Olivenholz, würden zehn Männer nicht haben aufrichten können (ihr Mann: fünf Männer). P. Josef (der dabeistand) flog etwa sechs Doppelschritt, ergriff das Kreuz und setzte es ganz allein in die Grube. – Als die letzten großen Kreuze auf dem Kalvaria bei Grottella aufgestellt werden sollten und es etwa zehn Personen nicht gelang, sah dies P. Josef von der Kirchtür aus. Er machte drei Doppelschritte, ließ den Mantel fallen und flog etwa fünfzehn Doppelschritte wie ein Vogel, und er faßte das Kreuz und stellte es ohne jede Hilfe in die Vertiefung. Das Kreuz war 54 Spannen – ca. 12 m – lang. – – Nach Parisciani ist die folgende Aussage die Antwort auf eine Ergänzungsfrage zu der Aufrichtung dieses letzten Kreuzes: Als ein Kreuz in der Nähe von Grottella aufgestellt werden sollte, brachten es etwa sieben Männer nicht fertig. Als P. Josef, aus der Grottellakirche kommend, das sah, ging er etwa drei Doppelschritte (passi), dann ließ er den Mantel fallen und flog, ohne die Erde zu berühren, ungefähr achtzig Doppelschritte (passi) und setzte es allein in das Loch, in das es gehörte. (Ein anderer Zeuge: er flog einen Armbrustschuß weit. – Parisciani, der die Örtlichkeit kennt, nimmt an, daß „passi“ ein Schreibfehler für „piedi“ (Fuß) ist. Fünf Fuß bilden einen Doppelschritt, 80 Fuß sind 16 Doppelschritt, knapp 24 m, was für einen Armbrustschuß wenig wäre. (Eine römische Meile – Lehnwort von „mille“ – = 1000 Doppelschritt = 1479 m.)

[2] Eine nicht vollständige Zusammenstellung der ungedruckten und gedruckten Quellenangaben über diesen Flug bei Parisciani, a.a.O., S. 575 f. Am wichtigsten dürfte die Tagebuchaufzeichnung des Benediktinerabtes Rosmi sein.

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 328-330.