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H. von Kleist - Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Santiago74
In einem Brief um 1800 schreibt Heinrich von Kleist einem Freund, wie man Probleme besser löst. Wenn eigenes Überlegen nicht zum Ziel führt, gibt es einen anderen Weg, sagt er. Die Lösung lautet: …More
In einem Brief um 1800 schreibt Heinrich von Kleist einem Freund, wie man Probleme besser löst. Wenn eigenes Überlegen nicht zum Ziel führt, gibt es einen anderen Weg, sagt er. Die Lösung lautet: Sprich laut darüber! Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Gegenüber mit dem Problem vertraut ist, es kommt schlichtweg nur auf das eigene Reden an. Mit dieser Methode kannst du dich selbst am besten belehren. Der Appetit beim Essen kommt, heißt es im Sprichwort. Ebenso gilt: Die Idee kommt beim Sprechen. Kleist meint, er habe diesen Weg beim Brüten über einer algebraische Aufgabe gefunden. Da er nicht weiter kam, hat er im Gespräch mit seiner Schwester eine Lösung gefunden, die selbst von Algebra rein gar nichts verstand. Die vorhandene dunkle Vorstellung kommt durch das Gespräch ans Licht, da man sich durch das Reden unter Druck setzt, zum Anfang auch ein Ende finden zu müssen. Bei Kleist geht es also um die umgekehrte Kunst des Sokrates. Nicht der Partner lernt etwas im Gespräch, sondern die berühmte Hebammenkunst wird umgekehrt, und ich lerne etwas im Gespräch. Nach Kleist haben auch andere große Redner diese Technik angewandt, auch sie wußten zu Beginn ihrer Rede nicht, was sie reden wollten. Als Beispiel führt er Mirabeau in der Französischen Revolution im Ballhaussaal an. Als er den Befehl des Könisgs verwarf, wußte er nicht, was er sagen sollte, und doch begann damit die Französische Revolution.