Gast6
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Nichts sagen, was dem Gegner nützen könnte - selbst wenn ich es für richtig hielte!

Das ist Aufforderung zur Selbstzensur bis hin zur Selbstverleugnung - Einschränkung der eigenen Meinungsfreiheit.

"Was dem Gegner nützt, muß unterbleiben: Worauf dieser Satz hinausläuft, das wird an seiner Umkehrung klar: Was der eigenen Seite nützt, muß geschehen. Die Struktur beider Sätze ist totalitär. Die Redensart vom Beifall, der von der falschen Seite komme; die Aufforderung, der Kritiker habe sich vor ihm zu hüten: Sie zeigen an, wie weit sich [...] totalitäre Schemata in unserm Denken ausgebreitet haben".
Sagt Magnus Enzensberger 1962. Und heute faseln manche von "Gegnernarrativen", die man vermeiden müsse. Sie merken nicht, was sie damit anrichten. Es ist nicht nur die Aufforderung, eigenes Denken einzustellen, sondern auch die Aufforderung zur Diskursverengung bis zur totalen Diskursverweigerung. Tatsächlich kommt hier totalitäres Freund-Feind Denken zum Vorschein, bei Leuten, die sich selbst als fortschrittlich und vernünftig einschätzen, eigentlich aber nur dumm sind.
Quelle: Hans Magnus Enzensberger: Die Sprache des SPIEGEL, In: Hans Mayer:: Dt. Literaturkritik, Bd.4, Frankfurt(Main) 1983: S.569/570.