Auf der Autobahn der Realität

Die Konzilskatholiken glauben an Gott wie an den Weihnachtsmann. In ihrer „theologischen“ Ausbildung lernen sie, dass der Weihnachtsmann am Nordpol wohnt, welche Rentiere seinen Schlitten ziehen, wie groß die Zwerge sind, die ihm zuarbeiten, wie er die großen Geschenkpakete durch die schmalen Schornsteine bringt (teil ihrer Wunderlogie), usw.. Das auswendig gelernte Geschichterl der katholischen Lehre dient nur einem einzigen Zweck, der sozialen Identität und Integration. Das Ziel ist eine durchgeformte konformistische Einheitspartei, die sich jeden Sonntagmorgen in möglichst abstrakten Versammlungsräumen trifft, um dort unter den wachsamen Augen des ideologischen Einpeitschers aerobische Übungen der Gleichschaltung mit Musi und lyrischen Eskapaden zu vollziehen. Am Ende gehen alle nach Hause und dort unzüchtig ins Bett, mit dem Gefühl, dazu zugehören. Es geht nur um die kollektive Gemeinschaft, um die Schwarmintelligenz. Inhalte spielen keine Rolle.

Auch die Atheisten haben eine solche Form der Sonntagsmorgengleichschaltung entwickelt, die Sunday Assembly/Sonntagsversammlung. Motto: „Jawoll, mein Putain, auch wir gehorchen! Segne unsere Gier und Unzucht, unseren Hedonismus und Hochmut, du wunderbarer, weil so aktiver Herr der Welt. Mögen die kontemplativen Mönche und Nonnen, die sich dem Leben durch Rückzug in ihre Zellen verweigern, für immer verschwinden.“ Die Regression in ein autoritäres Kollektiv ist eine gut funktionierende Flucht vor Freiheit, Selbststand und Verantwortung (siehe Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit). Das fühlt sich gut an. Man ist nicht mehr alleine.

Diese Pervertierung und Kastration der sichtbaren katholischen Kirche wäre nicht möglich gewesen, wenn man mehr auf die Lehre der Zisterzienser geachtet hätte. Denn dann wäre nicht vergessen worden, dass es nur eine einzige wahre objektive Faktenrealität gibt, nämlich die, die uns in der Heiligen Schrift und in ihrer Erfüllung, der katholischen Tradition, geoffenbart ist. Der Hl. Bernhard hat genau das gegen den lügenden Verführer und Frühaufklärer Petrus Abaelardus verteidigt, der den Vorrang der menschlichen Vernunft in der Wahrheitsfindung behauptet hatte. Aber die natürliche Vernunft kann nur die Existenz Gottes erkennen und selbst nur das, wenn der Wille der unsterblichen Seele des Menschen diese Einsicht nicht blockiert. Die umfassende Realität des Menschen ist der menschlichen Vernunft nicht zugänglich. Nur der in der Seele einwohnende Heilige Geist erschließt sie dem Menschen.

Für wahre Religiosität und eben nicht nur oberflächliche soziale Kollektivierung (s.o.) ist die Realitätsauffassung entscheidend. Die Fragen sind immer: In welcher Welt lebt der Mensch? Was ist wirklich seine Wahrheit? Was ist seine Aufgabe? Was ist seine objektiv wahre Umwelt im Gegensatz zu seinen egoistischen mentalen Träumereien und Illusionen? Immer stellt sich die Frage der Wahrheit des Menschen in Bezug zu seinen Mitmenschen. Wir sind eine von Gott gewollte Liebesgemeinschaft, aber eben niemals ein Kollektiv. Letzteres beruht auf einer egoistischen Flucht vor der Liebe. In der wahren Liebesgemeinschaft ist der Mensch dagegen nur er selbst in Bezug zu den anderen. Deshalb zählt immer nur die objektive Realitätsauffassung und niemals ein egoistisches „Ich mach mein Ding“. Ein Kartäusermönch, der sich in seine Einsiedlerzelle zurückzieht, ist kein egoistischer Selbstverwirklicher oder Aussteiger, der mit dem wahren Leben nicht klarkommt, sondern er geht, von Christus berufen, ins Kloster, um einen unschätzbaren Liebesdienst für den ganzen Leib des Herrn zu leisten. Kartäuser sind nicht faul. Sie arbeiten hart, aber das ist nur sichtbar für die Augen der nicht kalkulierenden Liebe, die, weil sie nicht gewinnen muss, das Unsichtbare sehen kann.

Ein Bild soll die Problematik der Realitätsauffassung verdeutlichen. Auf der A9 von München nach Nürnberg fahren zwei Fahrzeuge. Rechts fährt ein Mönch in einem 2CV mit knapp 100 km/h (nur abwärts?). Links fährt ein erfolgreicher Manager in einem großen Mercedes mit über 200 km/h am 2CV vorbei, sodass die Ente ordentlich gebeutelt wird. Der Manager ist der Chef. Er lebt in einer Welt der Macht, des Sieges und des Erfolges. Er hat Recht. Er hat Geld. Er ist mit sich rundum zufrieden. Seine materialistische Weltanschauung im Sinne eines aufgeklärten Sozialdarwinismus ist für ihn die einzig wahre. Er weiß, wo es lang geht. Er ist Chef. Die perfekte Klimaanlage hört man kaum, nur das Radio spielt mit einem extrem teuren Soundsystem unaufgeregt Frank Sinatras, My Way.

Frank Sinatra - My Way (Live At Madison Square Garden, New York City / 1974 / 2019 Edit)

Für den Chef ist der Text des Liedes eine dialektische Hinterfragung, die einer primitiven positivistischen Selbstvergötzung im Sinne der ungebildeten Triebmenschen, der armen Untermenschen, die er ausbeutet, eine Art Grenze einzieht. Er ist ein gebildeter Kulturbürger, selbst wenn er jederzeit einem fetzigen Musical gegenüber einer ernsten Oper den Vorrang gibt. Er macht keine Fehler. Er wird überleben. Der Macht und ihrem Schicksal muss die Ehre gegeben werden.

Als der Luftdruck des Mercedes den 2CV zur Seite drückt, bemitleidet er kurz den Fahrer der Ente. Für ihn ist das ein Aussteiger. Natürlich, wer in seiner Welt des Erfolges nicht mitmacht, kann gar nichts anderes als ein minderwertiger Verlierer sein. Selbst wenn der Chef die Kapuze des Skapuliers des Mönches sehen würde, würde er das immer noch denken. Er ist sich sicher: „Die kleine Wurst hat es halt im Überlebenskampf nicht gepackt. Deshalb ist sie ins Kloster eingetreten und kann nur noch in einer Ente unterwegs sein, die ihm wahrscheinlich noch nicht einmal gehört. Die Mutter wird sich heimlich schämen.“ Davon ist der Chef überzeugt.

Der Mönch im 2CV hat eine völlig andere Realitätsauffassung. Die Welt gehört Gott. Die gesamte Schöpfung wurde erschaffen, um den Herrn zu preisen. Als Zisterziensermönch wurde er berufen, unablässig die höchste Wahrheit, die Anbetung und Verherrlichung Gottes durch Sein mit Ihm in einem mystischen Ehebund vereintem Volk im Chorgebet zum Ausdruck zu bringen. Der kontemplative Mönch der Anbetung ist gegenüber den profitorientierten Weltmenschen der wahre Chef. Der allmächtige Gott, der Schöpfer des Universums, wohnt in seiner Seele. Irdische Maschinen, Technik und Geld sind nur Mittel zum Zweck. Die Zisterzienser lieben die Technik und die Maschinen. Alles hat der Verherrlichung Gottes zu dienen.

Als der dicke Mercedes an der Ente vorbeifährt, bemitleidet der Mönch den Mercedesfahrer als einen Verführten, als einen Verlierer, als einen Aussteiger und Flüchtling vor der Liebe Gottes. In gewisser Weise ist der Mercedesfahrer nicht mehr zu unterscheiden von einem Tier. Der Sozialdarwinismus kennt nur intelligente Tiere, die sich besser anpassen können. Menschen gibt es für ihn nicht. Traurig.

Der Punkt ist: Hier sind zwei Weltanschauungen, die sich kompromisslos gegenüber stehen. Nur eine ist wahr. Der Zisterzienser hat Recht. Die Wahrheit wohnt in ihm. Er lebt in einem goldenen Licht, immer und überall. Der reiche Weltmensch im Mercedes ist der Versager und Verlierer. Er hätte es wissen können. Es gibt genug mystische Literatur. Es gibt GloriaTV. Es gibt die kontemplativen Klöster.

Leider haben sich die Konzilskleriker auf die Seite der weltlichen Machtmenschen gestellt. Auch sie sehnen sich nach dicken Limousinen. Auch sie glauben nur noch an Abstraktion, Kontrolle und Macht durch populistische Unterwerfung. Sie tun alles, damit die Mehrheit mit dem Geld sie weiter unterstützt. Und dann wundern sie sich, dass sie keine mystischen Erfahrungen mehr haben. Die Türen des Mercedes sind zu dick für das Unsichtbare. Also gibt es nur noch kollektivistisches Tanzen, um dem menschlichen Machtgefühl zu schmeicheln. Unzucht ist wichtig. In jedem Mercedes gibt es Liegesitze.