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Kärntner Heimatlied. Von Hochwürden Herbert Stichaller

Gedicht aus dem Päpstlichen Ehrenkaplan (Nr. 20), Oktober 2022

Dort, wo Vernunft an Wahnsinn grenzt,
im Lauf der Glock das Auge glänzt;
wo Mann der Frau Leviten liest,
bis lauter reines Herzblut fließt,
laut tobend, längs mit harter Hand
beginnt mein starkes Heimatland.

Dort, wo Verdienst die Kränze schmückt,
man sich dafür verbiegt und bückt;
wo Frauenschuh und Mannestreu,
im Garten wird geschützt aufs neu‘;
das Geld verjubelt, alles Pfand:
das ist mein blühend‘ Heimatland.

Dort, wo mit Schleppe alles geht
und jeder an der Theke steht,
wo viel gekocht, auch Innerei,
erstrahlt im Glanz die Brauerei;
bis an die Felsenkellerwand
reicht mein berauschend‘ Heimatland.

Dort, wo am Loibl Laster fuhr‘n,
im Tunnel noch die alten Spur‘n,
wo Menschen litten in der Haft,
Moral im Krieg war abgeschafft;
nur nie vergessen diese Schand‘
im einst verrat’nen Heimatland!

Dort, wo das Volk die Helden ehrt,
des einen Tod noch ungeklärt,
wo man mit Glut Gedichte schrieb,
devot bis in den Tod verblieb;
den Becher füllet bis zum Rand,
stoßt an auf unser Heimatland!

Dort, wo der Mann die Frau oft schlägt,
sogleich sein frommes Herz sich regt;
am Pilgerweg zum Hemma-Dom
vergeht ein jedes Hämatom,
im Büßerkleid mit Freundschaftsband
lieb ich mein heil‘ges Heimatland.

Dort, wo sich Drau mit Gail vermählt,
die Domina die Freier quält,
wo auf den Matten unbedeckt
sich Rang und Namen lustvoll streckt,
vom Alpenkar zum Seenstrand
ist grenzenlos mein Heimatland.

Dort, wo des nachts auf freiem Feld
ganz still der grüne Flixbus hält,
entsteigen zahlreich die Verwandten,
doch nur die Onkel, keine Tanten,
vom Hindukusch mit Hausverstand,
das wird mein neues Heimatland.

Dort, wo Justiz recht vage eicht
und stille Wasser oft nicht seicht,
wo Gottes Nam‘ im Gruß versteckt
und ein Falott den andern deckt;
ganz schnell wird sauber allerhand
im hochgelobten Heimatland.

Dort, wo die Wissenschaft gelehrt,
Studenten nun ihr Recht verwehrt.
So wie beim Pokern niemand lügt,
auch nur ein Stich zum Glück genügt.
Wo Menschen heut‘ im Widerstand,
ist morgen noch mein Heimatland!

Bilder: wikicommons, CC-BY-SA