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CollarUri
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Was muss Mutter Kirche von Vater Staat dringend fordern?

Seit Jahrhunderten festigt sich immer tiefer die Lehre der Kirche, wonach weltliche Gesellschaften nicht neutral bleiben können. Weil Gemeinwesen aus Menschen bestehen, haben diese sich auch im Verbund für oder gegen Christus zu entscheiden. Wo und wie aber hat diese Entscheidung sich zu zeigen? Wie hat die Kirche zu wirken, damit die Entscheidung wächst? Und wie steht die Kirche zu den scheinbar "neutralen" Gleichheitstheorien, nachdem das II. Vatikanische Konzil ausdrücklich ein "Recht auf Religionsfreiheit" anerkannt hat? Ein Disput.

In der Kürze eines Artikels wird die Problematik natürlich nicht abgehandelt werden können. Dieser Aufsatz ist nur die Fortführung einer längeren Debatte mit vielen Themen, die hier bestenfalls aufzuzählen sind.

Es geht aber bei dieser Themenstellung vorrangig um die Frage, ob die kirchliche Lehre Brüche aufweist oder nicht. Ist die Kirche sich wirklich treu geblieben? Diese Frage, so traurig sie stimmen mag, darf und muss ernsthaft gestellt werden, haben doch die Päpste seit 1789 eine "Religionsfreiheit" wiederholt verurteilt und das II. Vatikanische Konzil ein "Recht auf Religionsfreiheit" ausdrücklich gefordert. Wie geht das zusammen? Was sind die Auswege? Wird Benedikt XVI. langfristig darin zu folgen sein, der in Details eine "Diskontinuität" annimmt? Oder haben sogar Exponenten der Piusbruderschaft das letzte Wort, wenn sie mit Blick auf die doch lange und eindeutige Tradition urteilen, "das Konzil habe einen Frevel begangen" (wie neuerdings W. Schüler ausdrücklich sagt) und die Wege Gottes zugunsten von Menschenwerk verlassen? Oder wird demnächst der Kampf gegen den Relativismus evtl. diese Fragen völlig aushebeln, weil die Kirche gar nicht anders kann als ihr Gut mit sämtlichen nichtstaatlichen, aber auch staatlichen Zähnen und Klauen gegen maximale Kräfte zu beschützen?

Es geht im Kern um drei Begriffe.
1. um die Religionsfreiheit. Hätte das Konzil denselben Begriff von Religionsfreiheit wie etwa der Europäische Gerichtshof, müssten wohl demnächst selbst im Vatikan die ersten Kruzifixe abgehängt werden. Schwer vorstellbar, oder? Trotzdem argumentieren nicht zuletzt progressive Kräfte in der Kirche gerade so, als hätte das Konzil genau eine solche abscheuliche Religionslosigkeit eingeführt.

2. um die Öffentlichkeit. Bevor die Kirche klarstellen kann, was in die Öffentlichkeit eines Staates gehört, hat der Staat zu definieren, was in seinem Bereich überhaupt öffentlich ist. Davon mag die Kirche vor 50 Jahren noch einen recht genauen Begriff gehabt haben, da es in Friedenszeiten in nahezu allen Staaten klare Sphären des Privaten und des Öffentlichen gab. Indessen hat sich die Öffentlichkeit in der gesamten Welt seit 1960 massiv gewandelt, und es dürfte dem Konzil durchaus vorgeschwebt haben, nicht nur für Gegenwart oder Vergangenheit, sondern für die Zukunft gedacht zu haben, als es von einer - nicht vollauf definierten - Öffentlichkeit sprach.

3. um das Recht. Auch die Traditionalisten anerkennen, dass die notwendige Freiheit des Menschen, sich für den Glauben zu entscheiden, ein (W. Schüler nennt es "subjektives") Recht ist. Dass der Staat daraus einen einklagbaren Anspruch herstellen dürfte oder gar müsste, welcher einem Ungläubigen erleichtert, in seinem Unglauben zu verharren, wird das Konzil wohl nicht gefordert haben.
Was also meint es mit dem "Recht"?

Klar ist: Die Kirche hat grundsätzlich nicht vor, unmittelbar in Fragen von Gewalt und staatlicher Macht, sondern vielmehr in Fragen des Glaubens und der Sitten zu entscheiden. Wenn dies vorausgesetzt ist, kann dann mit dem "Recht" gemäss DH ein positiver, eine "gerechte Ordnung" herstellender oder einklagbarer Anspruch gemeint sein? Der notabene auch dann besteht, wenn sein Besitzer ohne ihn überhaupt nicht leiden würde? Oder ist ein "negatives" Recht gemeint, sodass jemand den Staat auf seiner Seite haben muss, wenn er sich in irgendwelchem Glauben angegriffen fühlt? Das kann jedenfalls nicht absolut und vollauf gemeint sein, denn würde man ernsthaft auch nur eine negative Religionsfreiheit lückenlos durchsetzen, könnte man damit im Staat schlicht allem zur Geltung verhelfen. Denn an alles, was ich mir wünsche, glaube ich ja auch irgendwie, verpflichte mich ihm und verehre es. Zu widerlegen, dass dies Religion sei, ist theoretisch unmöglich. Zu behaupten ist also, dass das Konzil zwar vielleicht ein negatives Recht vor Augen hat, dessen Konturen aber so undeutlich erscheinen, dass die Lehre selbst sich garnicht ändern muss, sondern lediglich dahingehend interpretiert wird, dass je nach Verständnis die Moral ein "Recht" - sprich eine gute Sitte - von Religionsfreiheit als Vorgabe für die Rechtssetzung auch dann zulässt, wenn gewisse Formen der Religionsfreiheit durch die Päpste - und deren weiterhin gültige Lehre! - zurecht verurteilt worden sind. Masstab des Konzils ist ja die Würde des Menschen, aber nicht die absolute, sondern auf Gott bezogene.

Zur Zeit des Konzils wurde natürlich nicht nur in die Zukunft geschaut. Nach der Erfahrung der Weltkriege war die Kirche um Frieden zwischen politischen Parteien sehr bemüht. Die Gutheissung eines minimalen Begriffs von "Religionsfreiheit" (und habe sie auch nur ein rein subjektives Recht bedeutet) war selbst bei Aufrechterhaltung der päpstlichen Lehre ein gewisses formelles Entgegenkommen an ausserkirchliche Kräfte. Noch viel mehr aber diente der Begriff dazu, sich für die eine, wahre Religion einzusetzen, welche ja in vielen Ländern verfolgt wird. Eine erklärte Religionsfreiheit würde so einen Staat höchstwahrscheinlich wenigstens ein bisschen gerechter machen.

Da der Liberalismus heute aber noch ganz anders überbordet als vor einigen Jahrzehnten, muss die Kirche bei gewissen Fragen wohl viel stärker mit einer Stimme sprechen. Angenommen, die Öffentlichkeit ist in gewissem Sinn überall - und vieles deutet heutzutage darauf hin -, und der Staat samt seinen katholischen Gliedern habe sich dort gefälligst nicht wahrnehmbar für die wahre Religion einzusetzen: Wann und wo darf sich dann überhaupt noch jemand für die Religion einsetzen? Es ist Zeit, dass die Kirche zwar verhältnismässige, aber wirksame Lenkungsmassnahmen zugunsten von Wahrheit und göttlicher Gerechtigkeit nicht nur von Staatswesen, sondern auch von überstaatlichen und wirtschaftlichen Organisationen fordert! Was die soziale Gerechtigkeit betrifft, hat ja Papst Johannes-Paul II. hier bereits gemahnt. Es braucht in Zukunft auch Schritte für die Wahrheit.

(Quellen dieses Artikels bzw. angesprochene Publikationen sind im Wesentlichen der Disput zwischen Prof. Rhonheimer und P. Gaudron, abgehandelt bei W. Schüler in der Civitas/Sonderheft 5, 2012, sowie Verfassungsrechtstheorien und die Erklärung des Konzils "Dignitatis Humanae".)

Die Diskussion ist eröffnet.
Blaubeere
Ist der Staat überhaupt Vater? Es wäre interessant dieser Frage nachzugehen, und zu sehen inwiefern der Staat Vater ist.
CollarUri
Ja, das stimmt. Es ist Zeit für einen Vaterschaftstest.
CollarUri
Versuche, ein Fazit zu ziehen: Die Mutter Kirche braucht nichts zu fordern, sie muss jedoch gewisse Aktionen des Staates ausdrücklich als "nicht von Gott kommend" kennzeichnen, so z. B. die Behauptung, die zivil verordnete Verbindung zwischen einem Mann und seinem Laptop sei eine Ehe. Das würde die Kirche z. B. dann richtigerweise tun, wenn sie sagen würde: "Die Zivilehen haben ab heute null …More
Versuche, ein Fazit zu ziehen: Die Mutter Kirche braucht nichts zu fordern, sie muss jedoch gewisse Aktionen des Staates ausdrücklich als "nicht von Gott kommend" kennzeichnen, so z. B. die Behauptung, die zivil verordnete Verbindung zwischen einem Mann und seinem Laptop sei eine Ehe. Das würde die Kirche z. B. dann richtigerweise tun, wenn sie sagen würde: "Die Zivilehen haben ab heute null Wert für die Kirche. Es ist völlig irrelevant, was der Staat tut und "Ehe" nennt. Eine Ehe, das kommt zustande, wenn katholisch geheiratet wird, und sonst gar nicht."
CollarUri
Und doch ist nicht mehr die Klugheit des einzelnen Staatsmannes der Massstab für die Grenze der Religionsfreiheit, sondern eben die Öffentlichkeit.
damdem
Die Anerkennung einer "Religionsfreiheit" durch das Konzil ist kein Freibrief, auch dann nicht, wenn der Begriff mehrdeutig ist. Man mag darin das "Einschleichen des Irrtums" sehen, man kann auch ein Entgegenkommen gegen all die sehen, die den Begriff richtig verwenden.
Religionsfreiheit im positiven Sinn bedeutet:
1. die subjektive Möglichkeit, sich für den Glauben zu entscheiden
2. die Möglichk…More
Die Anerkennung einer "Religionsfreiheit" durch das Konzil ist kein Freibrief, auch dann nicht, wenn der Begriff mehrdeutig ist. Man mag darin das "Einschleichen des Irrtums" sehen, man kann auch ein Entgegenkommen gegen all die sehen, die den Begriff richtig verwenden.
Religionsfreiheit im positiven Sinn bedeutet:
1. die subjektive Möglichkeit, sich für den Glauben zu entscheiden
2. die Möglichkeit der Kirche, sich auch in antikirchlichen Ländern (wie z. B. China) zu entfalten

und nur im negativen Sinn bedeutet sie
3. das Nichteingreifen des Staates bei bösartiger Missachtung der wahren Religion - allerdings ist sie hier eingeschränkt auf Fälle, wo die gerechte öffentliche Ordnung nicht gestört wird. Und ich behaupte, dass diese etwa durch Minarette sehr wohl gestört würde, da diese gegen die wahre Gerechtigkeit sehr deutliche Zeichen setzen.

Eine Religionsfreiheit im Sinne der Modernisten ist durch die Kirche nie bekannt worden.
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CollarUri
@Salutator Danke für Ihren Beitrag. Die Schwierigkeit ist, dass man gerade zum Zweck der Toleranz nicht völlig von "Religionsfreiheit" im Sinne des Konzils Abstand nehmen kann, weil auch jemand Träger einer Freiheit ist, wenn er sie in falscher Weise gebraucht.

Sie liefern der Diskussion wohl eine wertvolle Chance, wenn Sie den Begriff des "religiösen Pluralismus" einführen. Dieser wird wohl …More
@Salutator Danke für Ihren Beitrag. Die Schwierigkeit ist, dass man gerade zum Zweck der Toleranz nicht völlig von "Religionsfreiheit" im Sinne des Konzils Abstand nehmen kann, weil auch jemand Träger einer Freiheit ist, wenn er sie in falscher Weise gebraucht.

Sie liefern der Diskussion wohl eine wertvolle Chance, wenn Sie den Begriff des "religiösen Pluralismus" einführen. Dieser wird wohl auch für besonders "Tolerante" einsehbar den Indifferentismus so sehr begünstigen, dass er auch dann abzulehnen ist, wenn das Lehramt, die Klugheit und die Verhältnismässigkeit einmal gebieten sollten, der noch offenen Glaubensentscheidung Freiraum zu geben.
Salutator
Die Zweischwertlehre muss wieder gelebt werden. Religiöser Pluralismus kann es in einem gesunden Staatswesen nicht geben. So wie sich jedes Individuum für oder gegen Gott entscheiden muss, so muss sich auch ein Staatswesen für oder gegen Gott entscheiden. Dass Andersgläubige toleriert (=erduldet) werden, ist eine andere Sache.
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