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Dr. Dr. PhDr. Joachim Seeger: Prälat Hermann Scheipers

Biografie über Hermann Scheipers
Gütig und kompromisslos
von Bettina Laerbusch aus Ochtrup
Die Besuche bei Hermann Scheipers haben Joachim Seeger tief beeindruckt. Ein Rundfunkbeitrag hatte den promovierten Theologen und Historiker auf den Priester Hermann Scheipers aufmerksam gemacht – und den Wunsch in ihm gefestigt, ein Buch über Scheipers zu schreiben.
Von Bettina Laerbusch
Samstag, 05.09.2020, 12:52 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 13:00 Uhr

Joachim Seeger Foto: Bettina Laerbusch

Sechs Mal hat Joachim Seeger Hermann Scheipers im Carl-Sonnenschein-Haus besucht – auch im Jahr dessen Todes. Diese Gespräche sind, neben Stasi-Akten und Unterlagen aus dem Bistumsarchiv in Münster, Grundlage für ein Buch, das Seeger geschrieben hat. Titel: „Hermann Scheipers (1913-2016) – eine neue Biografie. Widerstand der Kirche gegen Nationalismus und DDR-Kommunimus“. In diesem Jahr ist es erschienen.
Die Besuche bei Hermann Scheipers haben den Autor, wie er selber sagt, tief beeindruckt. Seeger beschreibt Hermann Scheipers, der am 24. Juli 1913 in Ochtrup geboren wurde, das Konzentrationslager in Dachbau überlebte und am 2. Juni 2016 in Ochtrup starb, im Gespräch mit dieser Zeitung als „authentischen Menschen“. „Er war gütig, liebenswert, verständnisvoll – und in gewisser Weise auch kompromisslos“. Kompromisslos, „weil er seinen Glauben gegenüber den Nationalsozialisten und später dem Sozialismus vertreten hat“.
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Hohes Maß an Zivilcourage
Dr. Joachim Seeger, geboren 1959 in Recklinghausen, hat unter anderem Theologie, Geschichte, Pädagogik und Philosophie studiert. Er hebt „den tiefen Glauben“ Hermann Scheipers hervor. „Ein hohes Maß an Zivilcourage“ habe diesen Priester ausgezeichnet. „Er hat Vorbildfunktion.“ Vorbilder fehlten gerade heute. „Wir brauchen Vorbilder, Leute, die gegen den Strom schwimmen“, sagt Seeger.
Seine Frau hat ihn ein Mal bei einem Besuch bei Hermann Scheipers begleitet, ein Mal waren seine Kinder dabei, ein weiteres Mal sein Vater – „er war zehn Jahre jünger als Hermann Scheipers.“ Dass ein Mensch in einem so hohen Alter so präsent sein kannt, das hat vor allem bei Gisela Seeger-Schmeing einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Grundstein für deutsch-polnische Aussöhnung
Was hat ihren Mann dazu gebracht, eine Biografie über Hermann Scheipers zu schreiben, über den 2013 der damalige Generalkonsul der Republik Polen, Jan Sobczak, sagte, er, also Scheipers, habe „durch seinen engagierten Einsatz den Grundstein für die deutsch-polnische Aussöhnung“ gelegt“. Sobczak überreichte Hermann Scheipers – damals schon fast 100 Jahre alt – im Carl-Sonnenschein-Haus das Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen. Gottesdienst hatte Hermann Scheipers mit polnischen Zwangsarbeitern gefeiert – ein Verbrechen.
Warum also hat Joachim Seeger dieses Buch geschrieben? Er holt etwas aus, als er die Frage hört. Und erzählt, dass er zuvor ein Buch über den Pater Gordian Landwehr verfasst hat. „Ich habe dann einen Beitrag im Mitteldeutschen Rundfunk gehört, in dem Parallelen zwischen Gordian und Hermann Scheipers gezogen wurde.“ Seeger wurde neugierig, suchte den Kontakt zu Hermann Scheipers – und fand ihn.
Hinzu kam, das erzählt der Autor etwas später im Gespräch, dass er sich über ein Buch geärgert habe. Ein Buch, das unter anderem die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann mitverfasst habe und in dem „die Grundthese vertreten wird, beide Kirchen, vor allem die katholische, hätten nicht genug gegen den Nationalsozialismus getan“.

Vier Jahre im KZ
Auf 240 Seiten beschäftigt sich der Autor mit dem Leben von Hermann Scheipers – es sei, so Seeger, als Dissertation an der St. Elisabeth Universität in Bratislava angenommen worden. „Kindheit in der Weimarer Republik“, „Auf dem Gymnasium“; „Die Jugendbewegung“, „Scheipers in Münster“, „Verhaftung und Schutzhaft“, „Das KZ in Dachau“, „Pfarrer in der DDR“ – so sind einige Kapitel überschrieben.
Vier Jahre, weiß Seeger, hat Hermann Scheipers im KZ in Dachbau verbringen müssen. Wie hat er das überlebt?
Er sei körperlich gut in Form gewesen, habe ihm Scheipers erzählt. Doch das war es nicht allein. Hermann Scheipers habe sich als „Opfer im Sinne der Nachfolge Christi interpretiert“. Das habe ihm die Kraft gegeben.

Starke Schwester
Und dann waren da Menschen außerhalb des KZ, von denen Hermann Scheipers gewusst habe, dass sie ihn nicht vergessen, dass sie für ihn kämpfen. Schon bei seinem ersten oder zweiten Besuch habe ihm Hermann Scheipers Unterlagen über seine Zwillingsschwester Anna Scheipers gezeigt. Diese habe dem Leiter des Schutzhaftreferates der Gestapo in Berlin unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es „im Münsterland ein offenes Geheimnis sei, dass Priester in Österreich vergast würden“. Vor Öffentlichkeit hätten die Nazis zurückgeschreckt, sagt Seeger.
Hermann Scheipers gelang am 26. April 1945 die Flucht aus dem KZ. Mit 102 Jahren starb er.
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