Clicks381

Die Sprache erobern: Hexen, Frevler, Quislinge! (neue-debatte.com)

Die Sprache erobern: Hexen, Frevler, Quislinge!

Sprache ist der Schlüssel zur Herrschaft. Wer Worte und die durch sie vermittelten Bilder beherrscht, hat das Werkzeug, das Gedankengut der Gesellschaft zu dominieren

7. Juni 2021
Gerhard Mersmann

Historisch gesehen existieren hauptsächlich zwei Tendenzen, die diesen Prozess dokumentieren. Zum einen sind es die herrschenden Produktionsverhältnisse und die in ihnen herrschenden Verkehrsformen und angewandten Techniken, die dafür sorgen, dass Formulierungen, Bilder und Vorstellungen sprachlich materialisiert werden. Zudem sind Großereignisse wie Kriege, Naturkatastrophen und Epidemien Auslöser für sprachliche Adaptionen. Die jeweils beste Möglichkeit, sich davon ein Bild zu machen, ist die Betrachtung der Kollektivsymbolik. Da sind die Epochen gut rekonstruierbar.

Sprache nach dem Krieg
Nach dem Krieg dominierten die Bilder und Techniken aus dem Krieg. Da herrschte Bombenstimmung, manche waren voll wie Strandhaubitzen, da waren Frauen plötzlich Granaten, da kamen Einschläge immer näher und man fragte, ob man Austreten dürfe. Die Industrialisierung sprach von Hebelwirkungen, da stand alles unter Dampf, da war Schubkraft im Spiel, da existierten heiße Eisen und immer wieder war man unter Druck. Mit der Digitalisierung kamen Schnittstellen und ihre Probleme, da existieren Datenautobahnen, da dominieren Module, alles fließt und die Speicherkapazität ist ein ständiges Thema; da werden Platten formatiert und mental werden Gedanken in der Cloud deponiert.

Hexen, Frevler, Quislinge
Handelt es sich bei der Kollektivsymbolik um ein ziviles, allmählich gewachsenes Phänomen, so ist die zweite Tendenz eine brachiale, von bestimmten Interessengruppen getriebene. Da wird versucht, über die bestehenden Machtstrukturen in der Kommunikation bewusst auf die angewandte Sprache einzuwirken, um die Vorstellungen in den Köpfen zu manipulieren. Es werden Begriffe kreiert, die nicht das Vorstellungsvermögen der aktuellen Zeit ausdrücken, sondern die Menschen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen positionieren sollen. In der Inquisition waren es Hexen und Frevler, die Gottes Zorn hervorriefen, in den Kriegen sprach man von Vaterlandsverrätern, Deserteuren und Wehrkraftzersetzern, und im großen Systemvergleich waren Brunnenvergifter, Agenten der Gegenseite, fünfte Kolonnen, Quislinge (1) oder Feinde der Freiheit unterwegs. Heute, in der Zeit der großen Umbrüche, sind beide Tendenzen in Wirkung. Die Metaphorik der Digitalisierung ist nach wie vor die dominierende. Zivile, eine neue, aus dem Großereignis der Pandemie entstandene, setzt sich gerade mit Begriffen wie Inzidenz, Herdenimmunität, Abstandsregeln, Ermächtigung (!) und Social Distancing durch.

Der neue Scheiterhaufen
Die andere, brachiale Variante kommt aus politischen Kreisen, die als Frucht des Wirtschaftsliberalismus bezeichnet werden müssen und die die multipolare Systemkrise als Chance begreifen, um ihre Herrschaft auszubauen und zu sichern. Ihre sprachlichen Injektionen sind oft plump, sie setzen sich dennoch durch permanente Wiederholung in gewissem Maße durch. Analog zur Inquisition sind Begriffe wie Leugner, Versteher bösartiger Konzepte, Sektierer, Soziopathen und Schwurbler en vogue. Mit diesem sprachlichen Arsenal wird eine Kampagne nach der anderen getrieben, und wer sich dem jeweiligen Unterfangen widersetzt, landet analog zur historischen Inquisition sehr schnell im Lager der Verfemten. Die Delinquenten enden nicht auf dem physischen Scheiterhaufen, sondern in gesellschaftlicher Isolation und Anfeindung. Ein Diskurs findet nicht mehr statt.

Brachiale sprachliche Gegenoffensive
Dass die brachiale Methode der sprachlichen Beeinflussung wirkungsmächtig ist, steht außer Zweifel. Ihr jeweils zu begegnen und das tatsächliche Interesse, das dahintersteckt zu enthüllen, ist möglich und wird auch getan. Es ist deshalb besonders mühselig und wirkungslos, weil es defensiven Charakter hat. Die Frage, die sich aufgrund dieses Verhältnisses stellt, ist die, ob es aus der Perspektive der Aufklärung und des kritischen Bewusstseins legitim ist, für eine eigene, brachiale sprachliche Offensive zu entscheiden? Vielleicht könnte ja die eine oder andere Enthüllung der Inquisitoren in den Olymp der zivilen Kollektivsymbolik gelangen? Einen Versuch ist es wert!

Quellen und Anmerkungen
(1) Der Ausdruck Quisling wurde von der britischen Medien im April 1940 geprägt, maßgeblich durch die Zeitung The Times. Die Bezeichnung ist angelehnt an den norwegischen Faschistenführer Vidkun Quisling (1887-1945). Quisling war Offizier und Politiker und von 1931 bis 1933 Verteidigungsminister von Norwegen. Außerdem von 1933 bis 1945 Parteiführer des von ihm gegründeten Nasjonal Samling (deutsch.: Nationale Vereinigung), einer faschistischen Partei.
Nach der Besetzung Norwegens durch die Truppen des nationalsozialistischen Deutschlands und der Flucht der gewählten sozialdemokratischen norwegischen Regierung ins Exil, führte Quisling von 1942 bis 1945 als Ministerpräsident von Norwegen eine von der deutschen Besatzungsmacht eingesetzte Marionettenregierung. Nach dem Krieg wurde Quisling wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Bis in die Gegenwart gilt sein Name als Inbegriff von Kollaboration und Verrat. Als Bezeichnung für einen Kollaborateur ist er in verschiedene Sprachen eingegangen (u. a. in der englischen, der deutschen, der schwedischen, der polnischen, der italienischen und der norwegischen Sprache).
neue-debatte.com/…06/07/die-sprache-erobern-hexen-frevler-quislinge/
Waagerl shares this
381
Sprache ist der Schlüssel zur Herrschaft. Wer Worte und die durch sie vermittelten Bilder beherrscht, hat das Werkzeug, das Gedankengut der Gesellschaft zu dominieren.