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Über die Selbstgerechtigkeit - und die Anderen sind schuld, die sind von gestern

Der Skeptiker Odo Marquard hat in mehreren seiner Essays über Selbstgerechtigkeit nachgedacht, die darin zum Ausdruck kommt, dass Menschen bei notorisch gutem Gewissen andere Menschen im Exzess anklagen. Als philosophiegeschichtlichen Ursprung solcher Selbstgerechtigkeit identifizierte Marquard die Überwindung der Leibniz-Theodizee durch die Annahme der Nichtexistenz Gottes, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Entstehung der Geschichtsphilosophie geführt habe. Dort wird nicht mehr Gott, sondern der Mensch als Schöpfer der Geschichte erachtet, wobei für die Übel der Welt weiterhin ein Angeklagter gebraucht wird – eine Rolle, die nun nicht mehr Gott, sondern nur noch der Mensch selbst ausfüllen kann. Es kommt zur „Übertribunalisierung der Lebenswirklichkeit“, zu einer Situation, in der „der Mensch als wegen der Übel der Welt absolut Angeklager – vor einem Dauertribunal, dessen Angeklagter und Richter der Mensch selber ist – unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät“, einen Zwang, der in einer säkularen Philosophie allerdings nicht mehr durch die göttliche Gnade abgefedert und der damit unaushaltbar und unlebbar wird. Der Mensch gerät unter extremen Druck, in die Unbelangbarkeit auszubrechen; eine (von mehreren) Möglichkeit dazu bietet die Flucht aus dem Gewissen-Haben in ein „Gewissen-Sein“: aus der Rolle des absoluten Angeklagten entkommt der Mensch, indem er die Rolle des absoluten Anklägers zu seiner ausschließlichen Rolle macht: „absolute Angeklagte sind dann zwar die Menschen, aber nur noch die anderen Menschen, weil man selber nur noch der absolute Ankläger ist.“ Eine radikale Zuspitzung dieser Idee fand Marquard in der revolutionären Geschichtsphilosophie, zu der die Neue Linke die Kritische Theorie gegen den Widerstand ihrer Erfinder und Protagonisten weiterentwickelt hatte und die das „Gewissen-Sein“ zum Prinzip einer Avantgarde mache, deren Vertreter nicht mehr belangbar seien, weil sie sich selbst der Zukunft und alle anderen der Vergangenheit zurechnen, und die an der Kritik hauptsächlich deshalb so viel Geschmack finde, weil diese Tätigkeit sie von der Bürde des Gewissens befreie.
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Eine Beschreibung des modernen Menschen.
IBIF
Die Anderen sind schuld.
iKKK - Inkompetenzkompensationskompetenz
Eremitin
auch ein Gießener?
kathport
iKKK - Inkompetenzkompensationskompetenz
Die Anderen.
Tina 13
"Dort wird nicht mehr Gott, sondern der Mensch als Schöpfer der Geschichte erachtet, wobei für die Übel der Welt weiterhin ein Angeklagter gebraucht wird – eine Rolle, die nun nicht mehr Gott, sondern nur noch der Mensch selbst ausfüllen kann"
Tina 13
"die darin zum Ausdruck kommt, dass Menschen bei notorisch gutem Gewissen andere Menschen im Exzess Anklagen"
One more comment from Tina 13
Tina 13
"absolute Angeklagte sind dann zwar die Menschen, aber nur noch die anderen Menschen, weil man selber nur noch der absolute Ankläger ist.“

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