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Vom Mythos zum Logos: Die Revolution des Denkens. Impuls von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über die Entwicklung des menschlichen Denkens vom Mythos hin zum Logos. Im griechischen „Mythos“ …More
Vom Mythos zum Logos: Die Revolution des Denkens.

Impuls von Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über die Entwicklung des menschlichen Denkens vom Mythos hin zum Logos.

Im griechischen „Mythos“ stecken sowohl die Worte „schließen“ und „öffnen“, als auch „schweigen“ und „reden“. Der Mythos ist eine Welterklärung über die Grundvollzüge des Daseins: die Welt, ihren Lauf, ihren Sinn und ganz zentral das Verhältnis von den Menschen zu den Göttern. Es liegt jedoch auch eine Doppeldeutigkeit sowie Gegenläufigkeit vor, denn diese Grundvollzüge können zerstört werden, um dann wieder aufgerichtet werden zu müssen.

Der Ansatz des Mythos liegt zunächst einmal außerhalb des Menschen, muss aber von diesem durchgestanden werden. Gegenläufig ist jedoch, dass der Mensch auch schuldig wird und bestraft werden muss, obwohl er letztendlich nicht verantwortlich ist. Hier stellt sich zwingend die Frage in welchem Verhältnis die Götter zu diesem Menschen stehen, den sie derart abstrafen. Die Götterinstanz kann die Schuldfrage nicht beantworten. Der Mythos kennt keine Lösung, sondern nur Abläufe von vorgeschriebenen Stationen. Er gibt keine Begründungen, Gegenwehr wird entmachtet und der Versuch, seinem Schicksal zu entkommen, wird bestraft.

Im Logos finden wir nun eine Wendung: ein Kausalgefüge, Zuständigkeiten, Einbringung des eigenen Willens, Macht und Durchsetzung auch gegen die Götter, also die Ermächtigung des Menschen. Im griechischen bedeutet das Wort Logos „Netz“. Das Netz (=der Logos) hat eine Struktur, welche den Logos ausmacht: Er ordnet, gibt Eindeutigkeit und gelangt so zum Durchbruch. Aus einem vorbestimmten Dasein mit anonymem Schicksal entwickelt er sich zu Ordnung und Zuständigkeit. Schuld ist nicht mehr im Schicksal begründet, sondern wird zu einem zurechenbaren Versagen. Jedoch kann Gerechtigkeit nur so entstehen. Der Mensch wird Herr seines Schicksals, er trägt Verantwortung und tritt aus seiner Anonymität heraus in die Freiheit.

Der Logos bahnt in diesem Sinne den Weg zum Monotheismus. Die Ordnung der Welt wäre unsinnig, wenn viele einander widersprechende Götter existierten.

Univ.-Prof. em. DDr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist Philosophin, Sprach- und Politikwissenschaftlerin. Nach ihrer Tätigkeit als Studienleiterin auf Burg Rothenfels/Main, akademische Oberrätin am Seminar für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie der Universität München, sowie als Privatdozentin in Bayreuth, Tübingen und Eichstätt, folgte eine Professur für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten/Bodensee. Von 1993 bis 2011 war sie Lehrstuhlinhaberin für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Seit 2011 ist sie Leiterin des EUPHRat (Europäisches Institut für Philosophie und Religion) in Heiligenkreuz bei Wien.

Prof. Gerl-Falkovitz ist u.a. Trägerin des Joseph-Pieper Preises, des Edith-Stein-Preises, des Augustin-Bea-Preises sowie des Ratzinger Preises. Die Tagespost beschreibt Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz passend als „ein Leuchtfeuer im Nebel der postmodernen Landschaft“ und „eine der wichtigsten katholischen Stimmen in Europa“.