der Logos
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der Logos
10.11. Leo der Große
Aus einer Weihnachtspredigt

Lasst uns frohlocken, denn heute ist uns der Heiland geboren! Es darf doch dort keine Trauer aufkommen, wo das Leben selbst zur Welt kommt, das die Furcht vor dem Tod nimmt und uns durch die Verheißung ewigen Lebens mit Freude erfüllt.
Niemand wird von der Teilnahme an dieser Jubelfeier ausgeschlossen, alle haben den gleichen Grund, in festlicher …
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10.11. Leo der Große
Aus einer Weihnachtspredigt

Lasst uns frohlocken, denn heute ist uns der Heiland geboren! Es darf doch dort keine Trauer aufkommen, wo das Leben selbst zur Welt kommt, das die Furcht vor dem Tod nimmt und uns durch die Verheißung ewigen Lebens mit Freude erfüllt.
Niemand wird von der Teilnahme an dieser Jubelfeier ausgeschlossen, alle haben den gleichen Grund, in festlicher Stimmung zu sein, denn da unser Herr, der die Sünde und den Tod vernichtet, niemand findet, der ohne Schuld ist, so kommt er, um alle zu befreien. Es jauchze der Heilige, weil er sich der Siegespalme naht, es frohlocke der Sünder, weil ihm Verzeihung winkt und neuer Mut belebe den Heiden, weil ihn das Leben ruft!
Denn als die Zeit erfüllt war, welche die unerforschliche Tiefe des göttlichen Ratschlusses dazu bestimmt hat, nahm der Sohn Gottes die Natur des Menschengeschlechtes an, das wieder mit seinem Schöpfer versöhnt werden sollte, damit der Teufel, der den Tod in die Welt gebracht hat, gerade durch die menschliche Natur, die er bezwungen hatte, wieder bezwungen würde. ...
So ist also das Wort Gottes, Gott, Gottes Sohn, der im Anfang bei Gott war, durch den alles gemacht worden ist, und ohne den nichts gemacht wurde, Mensch geworden, um den Menschen vom ewigen Tod zu befreien. Dabei hat er sich ohne Minderung seiner Majestät in der Weise zur Annahme unserer Niedrigkeit herabgelassen, dass er die wahre Knechtsgestalt mit jener verband, worin er Gott dem Vater gleich ist. Er blieb, was er war, und nahm an, was er nicht war. In dieser Weise hat er sich herabgelassen, dass er beide Naturen so miteinander vereinte, dass weder die Erhebung der niedrigeren Natur diese aufgehen ließ, noch ihre Annahme der höheren Abbruch tat. Indem also die Eigenart beider Wesenheiten gewahrt bleibt und sich zu ein und derselben Person verbindet, bekleidet sich die Majestät mit Niedrigkeit, die Stärke mit Schwachheit, die Ewigkeit mit Sterblichkeit. ...
Wäre er nicht wahrer Gott, so brächte er keine Erlösung, wäre er nicht wahrer Mensch, so böte er uns kein Beispiel. Darum wird auch von den jauchzenden Engeln bei der Geburt des Herrn gesungen: "Ehre sei Gott in der Höhe!" Darum wird auch den Menschen auf Erden, die guten Willens sind, Friede verheißen. Sehen sie doch, wie sich das himmlische Jerusalem aus allen Völkern der Erde erbaut. Wie sehr muss sich da menschliche Niedrigkeit über dieses unbeschreibliche Werk der göttlichen Liebe freuen, wenn die hehren Engel darüber in solchen Jubel ausbrechen!
Lasst uns also Gott dem Vater durch seinen Sohn im Heiligen Geist danken! Hat er doch um seiner reichen Barmherzigkeit willen, mit der er uns liebte, sich unser erbarmt, und obgleich wir tot waren durch Sünden, uns lebendig gemacht mit Christus, auf dass wir in ihm ein neues Geschöpf, ein neues Gebilde würden. Lasst uns also ablegen den alten Menschen mit seinen Handlungen, und nachdem wir an der Menschwerdung Christi Anteil erhielten, den Werken des Fleisches entsagen!
Erkenne, o Christ, deine Würde! Kehre nicht, nachdem du der göttlichen Natur teilhaftig geworden, durch entartete Sitten zur alten Niedrigkeit zurück! Denke daran, welchen Hauptes, welchen Leibes Glied du bist! Vergegenwärtige dir, dass du der Macht der Finsternis entrissen und in Gottes lichtvolles Reich versetzt worden bist! Durch das Sakrament der Taufe wurdest du zu einem Tempel des Heiligen Geistes. Vertreibe nicht durch schlechte Handlungen einen so hohen Gast aus deinem Herzen! Unterwirf dich nicht aufs Neue der Knechtschaft des Satans! Ist doch das Blut Christi dein Kaufpreis. Wird dich doch der in Wahrheit richten, der dich in Barmherzigkeit erlöst hat, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist waltet in Ewigkeit. Amen.


Über Petrus und Paulus

Nie hat der gütige, gerechte und allmächtige Gott dem Menschengeschlecht sein Erbarmen versagt. Immerfort hat er sich den Sterblichen insgesamt durch seine in so reicher Fülle gespendeten Wohltaten zu erkennen gegeben. So erbarmte er sich auch, ... indem er den Menschen das "Wort" schickte, das ihm gleich ist und seine Ewigkeit teilt. Dieses Fleisch gewordene Wort hat seine göttliche Natur so mit der menschlichen vereint, dass es durch sein Herabsteigen zur tiefsten Stufe uns auf die höchste erhob.
Damit sich nun die Wirkung dieser unbeschreiblichen Gnade über die ganze Welt ausbreiten konnte, ließ die göttliche Vorsehung das Römische Reich erstehen, dessen Grenzen sich so erweiterten, dass die Völker aller Länder auf allen Seiten Grenznachbarn der Römer wurden. ... So konnte die Kunde unserer Erlösung rasch und ungehindert ihren Weg nehmen. ...
Als die zwölf Apostel durch den Heiligen Geist die Gabe erlangt hatten, in allen Zungen zu reden, und nun, um der Welt das Evangelium zu bringen, die Länder der Erde unter sich verteilten, wurde der hochselige Petrus, das Haupt der Apostel, für die Hautstadt des Römischen Reiches ausersehen. Das Licht der Wahrheit, das zum Heil aller Völker enthüllt wurde, sollte gerade von der Hauptstadt aus über den ganzen Erdball verbreitet werden, um rascher zu wirken. ...
Furchtlos wanderst du, hochseliger Petrus, nach dieser Stadt. Und während der Gefährte deines Ruhmes, der Apostel Paulus, noch mit der Gründung anderer Kirchen beschäftigt ist, betrittst du diese Brutstätte wütender Bestien und wagst du dich auf dieses tiefe, stürmische Meer, von größerem Mute beseelt als damals, als du auf den Wogen des Sees dahingingst. Du fürchtest jetzt nicht einmal Rom, die Gebieterin der Welt, obgleich du im Hause des Kajaphas vor einer Magd des Hohenpriesters gezittert hattest.
Die Gewalt der Liebe war es, die keine Angst in dir aufkommen ließ. Du glaubtest, die nicht fürchten zu müssen, die du lieben wolltest. Dieser furchtlose, opferfreudige Sinn war dir in Wahrheit schon damals ins Herz gelegt worden, als der Herr durch sein dreimaliges bedeutungsvolles Fragen das Bekenntnis deiner Liebe stärkte. Nichts anderes wurde ja von deiner Fürsorge verlangt, als dass du mit der Speise, die dich gesättigt hatte, auch die Schäflein dessen nährtest, den du liebtest.
Viele wunderbare Zeichen, Gnadengeschenke und Proben deiner Kraft stärkten dein Vertrauen, ... auch die Kirche von Antiochia, wo zuerst der Name "Christ" zu Ehren kam, war schon gegründet. In Pontus, Galatien und Kappadokien, in Asien und Bithynien bekannte man sich durch dich zur Lehre des Evangeliums. Von dem Erfolg deines Wirkens überzeugt, und erfüllt von dem Vertrauen, dass deine Lebenstage ausreichen würden, trugst du das Siegesbanner des Kreuzes Christi in die Hochburg des Römertums hinein, wo nach Gottes Bestimmung Ehre und Macht und die Glorie des Leidens auf dich warteten.
Hierher kam auch der heilige Paulus, dein Mitapostel, das Gefäß der Auserwählung, der besondere Lehrer der Heiden. Er verband sich mit dir zu einer Zeit, als unter der Herrschaft des Nero alle Ehrbarkeit, alles Schamgefühl und alle Freiheit dahinsiechte. Eine durch unerhörte Laster aller Art aufgestachelte Grausamkeit stürzte diesen Kaiser in einen solchen Strudel des Wahnsinnes, dass er zuerst gegen alle, die sich Christen nannten, eine allgemeine, furchtbare Verfolgung begann. Er wähnte, die Gnade Gottes ausrotten zu können, wenn er die Heiligen morden ließ, während ihnen doch gerade dadurch der reichste Lohn zuteilwurde; denn die Verachtung dieses dem Tode gehörenden Lebens brachte ihnen ewiges Glück.
"Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Heiligen." Keine Grausamkeit kann die Religion vernichten, die auf dem geheimnisvollen Leiden Christi aufgebaut ist. Durch Verfolgungen wird die Kirche nicht geschwächt, sondern gestärkt. Von Tag zu Tag schmückt sich der Acker des Herrn mit neuen Ähren; denn jedes Korn, das auf seinen Boden fällt, sprießt hundertfach empor. Wie groß also der Nachwuchs jener beiden herrlichen Sprösslinge des göttlichen Samens war, das bewiesen die vielen Tausende heiliger Märtyrer, die sich den Triumph der Apostel zum Vorbild nahmen. In purpurroten, weithin leuchtenden Gewändern umstehen sie in Scharen unsere Stadt, für die sie sozusagen eine einzige, aus der Zier vieler kostbarer Steine zusammengesetzte Krone bilden.